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Im Kino des Kosmos

Bern, 30.05.2009 - Aufnahme der Tektonikarena Sardona in die Welterbeliste der UNESCO, Rede von Bundesrat Moritz Leuenberger in Flims, 30. Mai 2009

Nicht weit von hier, im Sernftal in Elm, können wir alljährlich ein alpines Lichtspiel beobachten:

Die Kulisse:

Ein dunkler Berg, frühmorgens vor dem Sonnenaufgang.

Die Handlung:

Unter dem Grat bricht Licht aus dem Fels. Ein schmaler, heller Strahl tastet sich aus dem Berg lautlos zu Tal, streift Felswände, berührt Baumwipfel, bleibt während Minuten am Kirchturm hängen, blendet die Betrachter beim nahen Friedhof,  zieht sich dann, ebenso rasch und lautlos wie er gekommen ist, zurück hinter den schroffen Fels, als ob nichts geschehen wäre.

Der Abspann:

Produzent: der Kosmos.

Schauspieler: die Erde und die Sonne,

Bühnenbild: Glarner Hauptüberschiebung oder Tektonikarena Sardona.

Es ist eindrückliches Kino, das uns am jährlichen Festival am Martinsloch geboten wird.

Pünktlich zur Eröffnung des Festivals im Herbst und im Frühling richtet die Sonne ihre Erdbahn nach dem Bühnenbild und sie schafft es, ihren Scheinwerfer exakt auf einen Kirchturm zu richten.

Erdgeschichte und Kosmos begegnen sich für einen kurzen Augenblick. Zwei Ewigkeiten kreuzen sich. Die magische Linie der Glarner Hauptüberschiebung und ein Lichtstrahl aus dem All.

Doch dies ist nur der Prolog. Wer das Kino nicht vorzeitig verlässt, sondern bleibt und weiterhin in die Berge schaut, sieht den Hauptteil des Spektakels in einer Rückblende. Er sieht zuerst die Wüste - dann das Meer. Sand- und Muschelbänke soweit das Auge reicht. Das Urmeer hat sie zu einer Zeit abgelagert, als in Flims noch keine Steinböcke und Kühe, sondern Tintenfische und Korallen zu Hause waren.

Hier sehen wir das making of eines Dokumentarfilmes, der die 4.5 Milliarden Jahre der Entstehung der Erde zusammenfasst. Mitten in den Bergen öffnet die Erde hier ihr Innerstes. Sie gewährt Einblick in fernste Vergangenheiten, als Berge sich erhoben und die Landschaft gefaltet wurde.

Was will uns dieses Spektakel sagen?

Es lässt uns erahnen, wie auch unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten ist. Das Leben jedes einzelnen Menschen, das Leben der Menschheit. Im Kino der Erdgeschichte taucht der Mensch erst in der allerletzten Sequenz auf und wird den Abspann trotzdem nicht erleben. Die Überschiebung war lange vor uns da und wird noch hier sein, wenn wir längst wieder verschwunden sind.

- Vor 300 Mio. Jahren herrschte hier Wüste.

- Sie wurde vor 150 Mio. Jahren vom Urmeer überflutet.

- Die Glarner Hauptüberschiebung entstand vor 30 Mio. Jahren.

- Den homo sapiens gibt es seit 100'000 Jahren (und sapiens ist er noch immer nicht.)

Es ist das Wissen um diese Endlichkeit, das unserem Leben Sinn verleiht.

Wir freuen uns des Lebens, wir freuen uns ob all dem, was das Lämpchen zum glühen brachte, ob dem, was vor uns entstand. Darauf wurzelt all unser Werden und Wachsen.

Die Schönheit der Erde, die Ästhetik der Berge und der Täler formt unser Denken, unser Fühlen, prägt uns, wie wir sind. Kein Wunder, stammt der schönste Mann der Schweiz aus der Glarner Hauptüberschiebung. Kein Wunder, stammt der beste Ziger der Welt aus Kräutern der Glarner Alpen. Kein Wunder kam der Bundesrat zum Schluss, dass nur Bündnerfleisch diesen Namen verdient, welches tatsächlich auf Bündner Alpen geweidet wurde und nicht in den argentinischen Pampas. Kein Wunder, dass eine OLMA Bratwurst nur von Kälbern stammen kann, die glücklich unter dieser magischen Linie weideten.

Die schmale Fuge der Glarner Hauptüberschiebung faszinierte und inspirierte immer wieder.

Nicht jede Inspiration zeugt allerdings von hellem Geist. Die Idee, das Phänomen vom Martinsloch täglich mit künstlichem Licht zu organisieren ist, zeugt eher von einem Filmriss.

Aber es gab auch andere Verknüpfungen von Naturwissenschaftlern und Künstlern.

Gelehrte, welche im 19. Jahrhundert die Schweiz bereisten, glaubten einen Zusammenhang zwischen erhabener Politik und der Erhabenheit der Natur zu erkennen. Montesquieu meinte, es gäbe eine wechselseitige Abhängigkeit von Natur und Politik. Auf kargem, alpinem Boden entfalte sich die Demokratie besser, weil ihn niemand besitzen wolle und man ihn nur zusammen bewirtschaften könne. Die Landsgemeinden waren für Montesquieu Ausdruck erhabener Demokratie, die von den Bergen geprägt ist. Deswegen wurde ja auch in Flims eine Sondersession durchgeführt.

Leider verhalten wir uns unabhängig von Staatsform und dem Ort, wo wir leben, nicht immer so erhaben, wie das Montesqieu sich träumte.

Wir holzen unsere Wälder ab, rotten ganze Tiergattungen aus, verschmutzen die Meere, verbrennen innert kürzester Zeit sämtliche fossilen Ressourcen.

Wir feiern heute die Aufnahme in das Welterbe. Vergessen wir also nicht, was das im Grunde bedeutet: Wir haben die Erde geerbt und wir wollen sie weiter vererben.

Es genügt nicht, wenn wir die Natur lieben. Auch sie erwartet etwas von uns. Wie das ja unter Liebenden ja üblich ist.

Wir sind nicht bloss Kinostatisten. Wir gestalten die Erde. Das ist die erste Bedeutung des Wortes Kultur: die Erde bestellen. Und so ist die Tektonikarena zunächst einmal unsere eigene Kulturgeschichte.  

1. Wir schützen uns als Erstes selber vor der Erde. Wir konstruieren Vorrichtungen gegen Naturgewalten:

- Lawinenverbauungen, Hochwasserschutz, Dämme und renaturierte Flussläufe sind solche Vorsorge. Sie kostet uns Milliarden und wir müssen die Finanzierung jetzt organisieren.

- Erdbebenvorsorge, eher etwas belächelt. Aber uns doch regelmässig irgendwo auf der Welt vorgeführt, wie dünn die Kruste ist, auf der wir unsere Behausungen errichten.  

2. Wir schützen die ganze Erde mit dem dünnen und fragilen Hauch von Leben, welche sie heute umgibt, weil wir uns damit unseren Lebensraum erhalten.

 -  Wir bemühen wir uns um eine nationale und eine globale Klimapolitik. Deshalb hat der Bundesrat ein CO2-Gesetz beschlossen, das seinen Schwerpunkt im Inland hat. Und aus diesem Grund wird sich die Schweiz auch in Kopenhagen für eine globale Klimapolitik einsetzen.

- Wir dürfen auch keine weiteren Gefahrenquellen in unseren Planeten einbauen und wir haben alles zu unterlassen, was lebensbedrohende Naturereignisse auslösen könnte. Dieses Ziel verfolgen wir, wenn wir Genmanipulation und Kernspaltung regeln. 

3. Wir schützen das Leben auf der Erde

- Erhaltung der Biodiversität ist die grösste politische Aufgabe neben der Klimapolitik.

- Weil wir aus der gleichen Ursuppe des Lebens entstiegen sind, wie Tintenfische und Korallen, wie Bären und Wölfe. Sie haben dasselbe Existenzrecht wie wir.

- Weil Pflanzen, Käfer und alle anderen Lebewesen die Welt am Laufen halten. Sie sind die Grundlage unseres Biotops. Wälder sind die CO2-Speicher dieser Erde, sie regulieren die globale Wasserversorgung, verhindern in den Bergen Lawinen und sind Lebensraum für Kräuter, Pilze und Tiere.

- Weil wir ohne Pflanzen und Tiere hier in einer kargen Mondlandschaft stehen würden. Pflanzen und Tiere haben nicht nur einen ökologischen und ökonomischen Wert, sondern auch einen ästhetischen. Ohne Flora, ohne Fauna, ohne Felsen und ohne Firne wäre unser Leben arm. Es kämen auch keine Touristen.

Für sehr gutes Kino gibt es Oscars. Heute vergeben wir Oscars für die beste Regie, für den besten Naturfilm, für die besten Spezialeffekte, für den besten Schnitt. Doch es gibt einen Preis, der ist mehr Wert als ein simpler Oscar, die Aufnahme in das UNESCO-Weltnaturerbe. Und diesen Preis erhält das beste Bühnenbild, nämlich die Tektonikarena Sardona. Über diese Arena können wir uns freuen.

Einen weiteren Oscar erhält heute ausnahmsweise auch die Jury:

Einerseits das UNESCO-Komitee für seinen Entscheid, aber noch viel mehr die "Interessensgemeinschaft Arena Sardona" für ihre Anstrengungen.

Während Jahren haben sie sich mit viel Enthusiasmus und Ausdauer für die Aufnahme dieser Bergformation ins universelle Welterbe engagiert. Sie taten es freiwillig, weil sie die Magie dieses Ortes gespürt haben und von diesem Geschenk der Natur fasziniert waren.

Warum vergeben wir einen Oscar? Warum verteilen wir Labels?

Um uns grosse Drehbücher und Werke näher zu bringen und verständlich zu machen, um ganz allgemein das Bewusstsein für gutes Kino zu fördern, um Propaganda zu machen. Heute wollen wir auch das Bewusstsein für unsere Erde schärfen, ihre Geschichte, ihren Wert für uns alle.  

Wir leben alle im selben Kino: Wir treten auf, wir spielen, wir treten ab. Sorgen wir dafür, dass auch nach unserem Auftritt gespielt werden kann.

Adresse für Rückfragen:

Presse- und Informationsdienst UVEK, Bundeshaus Nord, 3003 Bern +41.31.322.55.11

Herausgeber:

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