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Doch wenn wir so über die Ritter von damals schwärmen, verklären wir die Vergangenheit:
Es gab unter den Rittern nämlich auch Rüpel und Räuber.
Sie galoppierten hoch zu Ross über die Äcker der Untertanen.
Rücksichtslose Haudegen in gepanzerten Rüstungen waren das, welche das Land unsicher machten.
So geht es meist, wenn wir an vergangene Zeiten denken: Wir verklären sie. Früher war alles besser (sogar die Zukunft).
Heute dagegen ist alles schrecklich.
Das können wir auch bei den Diskussionen über den Strassenverkehr beobachten:
Alle reden und schreiben nur von den Rüpeln und Rasern.
Sie haben im richtigen Moment mutig gehandelt und damit jemandem das Leben gerettet.
Mut kommt von muot oder Herz.
Auch die französische Courage kommt von coeur, vom Herzen.
Mutig sein, heisst beherzt sein
- und gar nicht etwa unbedingt vernünftig sein.
Wenn wir uns die ritterlichen Taten der vergangenen 40 Jahre auf Schweizer Strassen ansehen, so fällt auf, dass die Menschen, die sie vollbrachten, offensichtlich ihrem Herzen folgten.
Sie stellten nicht eine kalkulierende Risikoanalyse darüber an, ob sie mit ihrer Tat Erfolg haben würden oder nicht.
So hat gewiss auch keiner der Helfer bei seiner Tat daran gedacht, dass er dafür vielleicht einmal zum "Ritter der Strasse" geschlagen werden könnte.
Er oder sie haben instinktiv gehandelt, sind einer Eingebung gefolgt, und so ist es denn auch ganz natürlich, dass jeder "Ritter der Strasse" findet, sein Verhalten sei doch völlig normal gewesen, er habe einfach so vorgehen müssen, seinem Gewissen folgend, ohne zweifelnd und zögernd den Verstand zu befragen.
Der Verstand hätte wohl zu einem anderen Vorgehen geraten:
Es ist dieser Sieg des Herzens über den Verstand, der sie als Ritter als auszeichnet,
Sie wurden indessen nicht nur für ihren Mut als solchen zum Ritter geschlagen, denn Mut allein ist nicht zum vorneherein etwas Positives.
Wir sind uns einig, solcher Mut ist kriminell.
Wir adeln also nicht einfach nur den Mut, sondern den guten Mut, die spontane Hilfsbereitschaftmutige, jemandem in einer Notlage zu helfen.
Wir verneigen uns deshalb heute vor ihren couragierten und ritterlichen Taten und bedanken uns für Ihren Beitrag zur Sicherheit auf unseren Strassen.
Wir brauchen auf unseren Strassen Ritter statt Raser.
Menschen, die beherzt helfen, wenn es nötig ist.
Dennoch kann sich die Politik nicht auf genügend gute Ritter verlassen.
Es ist vielmehr ihre Verantwortung, die Sicherheit auf unseren Strassen so zu organisieren, dass möglichst wenig Menschen für den Leichtsinn (oder gar das kriminelle Verhalten) von anderen ihr Leben riskieren müssen.
Wir sind dabei auf guten Wegen. Die Zahl der Verletzten und Toten bei Strassenverkehrsunfällen ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken (seit 2003 rund 30 % weniger Tote und 20 % weniger Schwerverletzte).
Wesentlich verantwortlich für diese positive Entwicklung sind die Massnahmen, welche bei der letzten Strassenverkehrsgesetz-Revision beschlossen wurden
Aber das alles genügt noch nicht.
Unsere Strassen sind für einige immer noch eine mittelalterliche Turnierarena. Es gibt immer noch zu viele Raubritter, welche mit ihren gepanzerten Schlachtrossen unsere Wege unsicher machen.
Der Strassenverkehr fordert weltweit 1.5 Mio. Menschenleben pro Jahr.
Allein in der Schweiz jährlich
Unser Programm "Via Sicura" will deshalb die Sicherheit auf unseren Strassen noch mehr fördern und damit die Zahl der Toten und schwer verletzten Personen deutlich senken.
Mit einem Strauss von rund 60 Massnahmen möchten wir die Sicherheit verbessern. Die Massnahmen setzen auf verschiedenen Ebenen an:
Einzelne Massnahmen sind umstritten und werden es bleiben (z.B. Weiterbildungs-obligatorium, Einführung der Atemprobe als Beweis bei Alkohol am Steuer).
Im Bundesrat und im Parlament wird um sie gerungen.
Bei einigen ringe ich auch mit mir selber, zum Beispiel mit der Frage, ob die Velohelmpflicht eingeführt werden soll.
Das gesamte Massnahmenpaket von Via Sicura hat die Vision, dass im Strassenverkehr niemand mehr sterben oder schwerste Verletzungen erleiden müsste.
Dies bleibt eine Vision. Visionen sind der innere Antrieb, die eigentliche Motivation des politischen Engagements. Ohne Visionen werden wir defaitistisch, ja zynisch.
Die Zahl der Opfer signifikant zu reduzieren, ist auf alle Fälle realistisch.
Die Vorlage ist vor einigen Wochen aus der Vernehmlassung zurückgekehrt. Bei der grossen Mehrheit der Kantone ist sie positiv aufgenommen worden. Widerstand gibt es dagegen von grossen Parteien.
Das ist nicht überraschend.
Sicherheitsvorlagen haben es immer schwer.
Nach schweren Unfällen (Tunnelbränden, Seilbahnunfällen oder Hundeattacken) fordern immer alle einhellig nach Massnahmen.
Am Ende hat die Sicherheit aber keine Lobby (z.B. Sicherheitskontrollgesetz).
Die meisten vergessen die Bilder aus der "Tagesschau" jeweils innerhalb weniger Wochen.
Die Bilder von brennenden Autos und verzweifelten Menschen immer vor Augen haben nur Sanitäter, Feuerwehrleute und Ritter der Strasse.
Deshalb wäre ich bei solchen Vorlagen jeweils froh, es würden mehr Feuerwehrleute und Ritter der Strasse im Parlament sitzen.
Aber auch das grösste Paket aus vernünftigsten Massnahmen, wie Prävention, Weiterbildung, technischen Vorschriften und Kontrollen wird auf unseren Strassen nicht zu absoluter Sicherheit führen.
Menschen machen Fehler, wenn sie technisch arbeiten, wenn sie die Technik anwenden.
Wenn Fehler passieren und die Technik versagt, braucht es deshalb auch weiterhin Menschen wie Sie, die im richtigen Augenblick den kühlen Verstand überwinden und beherzt Mut zeigen.
Deswegen wurden sie und deswegen werden sie auch künftig zu Ritterinnen und Rittern geschlagen.