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Keine erfolgreiche Realwirtschaft ohne gesunden Bankenplatz

Bern, 05.09.2012 - Referat von Johann N. Schneider-Ammann, Bundesrat und Vorsteher des EVD, | Bankiertag 2012

Monsieur le Président,
Sehr geehrter Herr Nationalratspräsident,
Meine sehr geehrten Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen und Parlamenten und der Diplomatie,
Liebe Gäste und Ehrengäste,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Im Namen der Landesregierung sage ich Ihnen ein herzliches Happy Birthday verbunden mit allen guten Wünschen zum 100. Geburtstag Ihrer Organisation, der Schweizerischen Bankiervereinigung. Runde Geburtstage - und gerade das Wiegenfest zum vollen Jahrhundert - sind nicht nur Anlässe, an denen man ein schönes Fest feiert. Sie sind genauso prädestiniert für einen kritischen Blick in die Vergangenheit sowie eine mutige und ambitiöse Vorwärtsorientierung.

Bei einer Geburtstagsrede steht immer das Positive im Mittelpunkt. Bezogen auf Ihre Mitglieder stelle ich fest, dass wir in der Schweiz einen Finanzsektor im Allgemeinen und Banken im Speziellen kennen, die durch jahrelange, jahrzehntelange Qualitätsarbeit Massstäbe des Erfolgs gesetzt haben. Und diese sind keineswegs selbstverständlich. Ich denke dabei nicht nur an die beiden Grossbanken, die im globalen Wettbewerb bestehen. Ich denke  ebenso an die zahlreichen Kantonal- und Regionalbanken, aber auch an die Privatbanken und Sparkassen, die ihren Kunden auf allen Ebenen ausgezeichnete Dienstleistungen an bieten.

Wenn sich die Schweizerische Bankiervereinigung auf dem Campus eines der erfolgreichsten Industrieunternehmen unseres Landes trifft, dem Novartis Campus, ist dies von hohem Symbolwert: Die schweizerische Finanzbranche und die pharmazeutische Industrie haben in den vergangenen Jahrzehnten höchst erfreulich gearbeitet, und dies nicht unabhängig voneinander. Für mich ist klar: Es gibt keine erfolgreiche Realwirtschaft ohne einen gesunden Bankenplatz! Und es gibt keinen erfolgreichen Bankenplatz ohne gesunde Realwirtschaft!

Die Tatsache, dass Schweizer Banken 2011 Vermögen in der Höhe von 5,3 Billionen Franken verwalteten, je hälftig von Kunden im In- und Ausland, ist nur ein Beweis unter vielen für die über Jahrzehnte erworbene Sachkompetenz und die Qualität der Dienstleistungen im Finanzsektor. Die Finanzbranche bildet einen sehr substantiellen volkswirtschaftlichen Faktor an der gesamten schweizerischen Wirtschaftsleistung von 10,5 Prozent. 32,4 Milliarden Franken erwirtschafteten die Banken im Jahr 2011. Weitere 17 Milliarden an Wertschöpfung generierten sie durch indirekte Effekte. Dies alles drückt sich nicht zuletzt auf der Ebene der Arbeitsplätze aus.

Wie das BAK Basel in einer Studie schrieb, ermöglicht die Arbeit von 100 Bankmitarbeitern durchschnittlich die Schaffung bzw. Erhaltung von 115 Arbeitsplätzen in anderen Branchen. Meine Damen und Herren, auf dies alles dürfen Sie als hohe und höchste Führungskräfte gerade an diesem heutigen Tag äusserst stolz sein. Wenn ich sage, dass der Werkplatz und der Finanzplatz Schweiz einander für ihren jeweiligen Erfolg brauchen, so denke ich ganz besonders auch an die wirtschaftliche Entstehungsgeschichte der modernen Schweiz im 19. Jahrhundert. Der in jeder Beziehung ausserordentliche Unternehmer und Politiker Alfred Escher gründete 1856 die Schweizerische Kreditanstalt und heutige Credit Suisse. Dies, weil es sich immer mehr als Nachteil erwies, dass die zahlreichen aufstrebenden Eisenbahngesellschaften abhängig von ausländischen Geldgebern waren. Die damaligen Schweizer Banken waren schlicht und einfach nicht in der Lage, genügend Mittel für den Auf- und Ausbau der verschiedenen Eisenbahnen zur Verfügung zu stellen. Die Kreditanstalt war also ursprünglich ganz klar eine Bank zur Förderung der industriellen Entwicklung. Und sie ist es, wie alle anderen auch, heute noch. Auch der Textilindustrielle Adolf Guyer-Zeller, Realisator der Jungfraubahn, baute sich zur Finanzierung dieses einmaligen Bahnprojekts 1894 eine eigene Bank auf: die Guyer-Zeller-Bank (heute ein Teil der HSBC). Beide Beispiele machen klar, wie ausserordentlich wichtig starke Banken für einen starken Werkplatz sind.

Mesdames et Messieurs,
Cependant, personne dans cette salle ne peut se laisser complètement aller à la joie en ce jour de fête, car l'horizon est bien trop sombre. A peine le plus dur de la tempête occasionnée par la crise financière de 2008 était-il passé, que les terribles nuages de la crise de la dette sont venus noircir le ciel de l'Union européenne. Ces nuages sont loin de se dissiper. Mais une chose est sûre : même en tant qu'observateurs « neutres » non-membres de l'Union européenne, nous sommes touchés par ses problèmes de plusieurs manières.

Toutefois, ce n'est pas tout. Les deux crises financières et le grand besoin d'argent de certains états très endettés ont creusé les différends entre ces pays et la place financière suisse. Cette dernière est fortement mise sous pression, notamment par les pays dont le secteur bancaire aimerait beaucoup ravir des parts de marché à la place financière suisse. Dans ce large contexte, on attendrait de notre population suisse un peu plus si ce n'est de soutien, du moins de compréhension envers vos achivitées. Nombre de gens critiquent le secteur bancaire et refusent de voir à quel point cette branche est vitale, non seulement pour la prospérité de l'économie, mais aussi au quotidien, songeons à cet égard à la possibilité d'effectuer des paiements tous les jours de l'année, vingt-quatre heures sur vingt-quatre.

Zum kritischen Blick auf den Finanzsektor haben vor allem die Rekordkompensationen der vergangenen Jahre geführt. Ich habe diese damalige Entwicklung der Lohn- und Bonusspirale ebenfalls kritisiert. Und stelle mit Genugtuung fest, dass diese Auswüchse zwischenzeitlich Einhalt geboten wird. Dies ist wichtig, denn wir verfolgen gemeinsam ein Ziel, meine sehr verehrten Damen und Herren. Und diese heisst, dass wir den Zusammenhalt unseres Landes zur Aufrechterhaltung unseres Wohlstandes sicherstellen wollen.

Für Ihren diesbezüglich entscheidend wichtigen Beitrag danke Ich Ihnen sehr herzlich. Unsere Banken sind im Dienst der gesamten Volkswirtschaft gross geworden und insofern ist die Rückbesinnung auf Schweizer Werte  sinnvoll, und nötig. Damit sei die Frage erlaubt, welche Wege denn in die Zukunft führten. Erwarten Sie kein Rezept. Aber lassen Sie mich mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble feststellen, dass «die Banken stärker zu ihrer dienenden Funktion für die Realwirtschaft und einer daran orientierten Geschäftspolitik zurückkehren müssen».

Es ist dringend notwendig, dass von allen Seiten der Wirtschaft, der Finanzwirtschaft, der Realwirtschaft und der Bürgerinnen und Bürger, d.h. der Gesellschaft und ihrer Politik Schritte aufeinander zugemacht werden, denn das Volk hat bei Vorlagen wie der Abgeltungssteuer und der Minder-Initiative das letzte Wort. Vor diesem Hintergrund freut es mich, wenn sich Ihr Präsident ausdrücklich für eine weitsichtige und im Wettbewerb korrekt umgesetzte  Regulierung des Finanzplatzes ausspricht. Und ich will auch nicht unverdankt lassen, dass Sie sich insbesondere bei der To-Big-To-Fail-Regulierung für eine gute Lösung eingesetzt haben.

Wir sind uns einig, dass Lösungen für eine erfolgreiche Zukunft eines prosperierenden Finanzplatzes Schweiz nur dann zu finden sind, wenn die Probleme der Vergangenheit abschliessend aufgearbeitet wurden und dann erwarten uns wahrlich genug Herausforderungen. Sie haben eine neue Finanzmarktstrategie ausgearbeitet und setzen diese um. Dazu kommt, wie Ihr Präsident es gesagt hat, die Auseinandersetzung mit all den Baustellen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit heissen diese: 

  • Steuerkonflikt mit den USA
  • Neuerlichen Auseinandersetzungen mit der EU
  • Die Abgeltungssteuerfrage
  • Die Zukunft des Bankgeheimnisses
  • Die Selbstdeklaration ausländischer Kunden und
  • Die Rechtshilfe bei Steuerdelikten

Dazu kommen eine ganze Serie von regulatorischen Anforderungen, deren Umsetzung bei grossen Instituten gewaltige Ressourcen bindet und alle Finanzdienstleister nicht selten bis an die Grenzen des Erträglichen fordert. Ich denke hier etwa an ausländische Gesetze und Regelwerke wie FATCA. Neben all diesen Herausforderungen ist auch Ihre Branche mit einem beträchtlichen Margendruck konfrontiert, der nicht ohne Folgen bleiben kann. Rationalisierungen und Konsolidierungen haben in unserer Bankenwelt seit dem Ausbruch der Finanzkrise beschleunigt eingesetzt und ein Ende dieses Prozesses ist noch nicht abzusehen.

Dass dabei Arbeitsplätze abgebaut werden müssen, ist leider unvermeidlich. Jeder einzelne Arbeitsplatzabbau ist für den Betroffenen ein schlimmes Ereignis. Und trotzdem bleibe ich überzeugt, dass unsere liberale Arbeitsgesetzgebung, die es erlaubt, rasch mit dem Markt zu atmen, sich letztlich nicht nur zum Vorteil der Unternehmen sondern auch zum Vorteil der Angestellten auswirkt. Denn, sobald sich die Lage bessern wird, werden wieder Stellen geschaffen und es wird umgehend wieder rekrutiert werden können. Ich bin auch überzeugt, dass die Schweizer Banken mit ihrem hohen Mass an Erfahrung und Kompetenz u gestärkt aus dieser Phase des Umbruchs und der Neuorientierung hervorgehen werden. Sie werden neue Wachstumsfelder erschliessen, ohne zu vergessen, die traditionellen Geschäftsbereiche zu pflegen.

Ich glaube an die Stärke, die Innovationskraft und die Kreativität unseres Finanzplatzes. Dieser wird seine weltweite Führungsrolle behaupten und die Arbeitsplätze auch in der Schweiz zu sichern wissen. Genauso wie wir stolz sind auf die Erfolge unserer Industrie und aller unserer Dienstleister, freuen wir uns mit grosser Anerkennung und mit hohem Respekt an den Erfolgen der Schweizer Banken.

Hunderte von Unternehmern, Tausende von ausgezeichneten Spezialisten und Zehntausende von bestens qualifizierten Arbeitnehmern haben mit harter Arbeit und viel Herzblut die Schweizer Banken zu dem gemacht, was sie heute sind: Kompetenzzentren, die nicht nur in unserem Land, sondern auch im Wettbewerb von New York, London und Singapur sehr erfolgreich bestehen. Die Landesregierung unternimmt alles, um sie im harten internationalen Wettstreit zu unterstützen. Dies getreu dem liberalen Prinzip «so viel wie nötig - so wenig wie möglich».

In diesem Sinne haben wir auch die Abkommen über eine Abgeltungssteuer ausgehandelt. Es war alles andere als ein Spaziergang, aber was erreicht wurde, liegt ganz im Interesse unseres Landes und vor allem im Interesse unseres Finanzplatzes. Unsere Spezialisten haben hart verhandelt und wir sind an die Schmerzgrenzen gekommen. Weiter ging und geht es nicht. Nun liegt es unsererseits in den Händen der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, sich zu den drei Abkommen mit Deutschland, Grossbritannien und Österreich zu äussern, sofern die angekündigten Referenden zustande kommen.

Im Frühjahr werden sich dann der Gegenvorschlag des Parlaments zur Minder-Initiative und das Volksbegehren gegenüberstehen. Meiner Unterstützung sind Sie sicher: Ich setze mich sowohl für ein Ja zu den Steuerabkommen, als auch für ein Ja zum Gegenvorschlag des Parlaments zur Minder-Initiative mit aller Entschiedenheit ein. Wir werden diese Abstimmungen gewinnen wollen und gewinnen können. Sie haben mit dem Akzeptieren Ihrer Hausaufgaben, auch mit der wiedergefundenen Zurückhaltung und dem Vorleben früherer Tugenden und Werte, in den letzten Monaten wesentliche Vorleistungen erbracht. Dafür zolle ich Ihnen Anerkennung. Ich zähle auf Sie, Sie dürfen auf uns zählen.

Ein herzliches vivat - crescat - floreat!

Lebe hoch - wachse und blühe die Schweizerische Bankiervereinigung, unser erfolgreiches und zukunftsorientiertes Swiss Banking!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Es gilt das gesprochene Wort!

Adresse für Rückfragen:

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Herausgeber:

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