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Staatsbesuch des polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski in der Schweiz

Bern, 04.10.2012 - Ansprache von Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf aus Anlass des Staatsbesuchs des polnischen Präsidenten, Bronislaw Komorowski, in der Schweiz

Es gilt das gesprochene Wort

 

Sehr geehrter Herr Präsident

Sehr geehrte Frau Komorowska

Sehr geehrte Mitglieder der Landesregierung

Exzellenzen

Meine Damen und Herren

Es ist mir eine besondere Freude und eine grosse Ehre, Sie heute im Namen des Schweizerischen Bundesrates und des Schweizer Volkes zu Ihrem zweitägigen Staatsbesuch in der Schweiz begrüssen zu dürfen. Seien Sie herzlich willkommen!  

Die Schweiz und Polen pflegen seit vielen Jahren enge Beziehungen. Diese prägen unser Verhältnis und bilden eine feste Grundlage für den Respekt und die Freundschaft zwischen unseren Völkern. Ihr Staatsbesuch bietet uns die Gelegenheit, uns an diese historisch gewachsene Freundschaft zu erinnern und sie für die Zukunft weiter zu stärken.  

Die Beziehungen zwischen unseren Ländern zeigen beispielhaft, dass diese von Menschen und deren Wirken geprägt sind. Die Hoffnungen, Ideale und Ambitionen, welche diese Menschen in den vergangenen Jahrhunderten antrieben, bezogen sich nicht nur auf die eigene Existenz und Selbstentfaltung; sie zeugen auch vom mutigen, uneigennützigen Einsatz für die Unabhängigkeit, Freiheit und demokratische Selbstbestimmung unserer Nationen. Sie, Herr Präsident, waren an diesem historischen Ringen selbst beteiligt; Sie haben dafür erhebliche persönliche Opfer erbracht, und Sie können heute in Anbetracht der beispielhaften Transformation und Errungenschaften Ihres Landes mit Genugtuung feststellen: es hat sich gelohnt. 

Ich weiss, dass Sie – Herr Präsident – ein grosser Kenner unserer historischen Verbindungen sind, und beschränke mich deshalb darauf, nur einige namhafte Beispiele zu erwähnen. 

Die Schweiz diente im 19. und 20. Jahrhundert zahlreichen polnischen Emigranten als Zufluchts- und Wirkungsstätte. Es ist kein Zufall, dass ein Grossteil der polnischen Bürger und Persönlichkeiten, die in der Schweiz gelebt und gewirkt haben, Vorkämpfer und Verfechter der polnischen Unabhängigkeit und Freiheit waren. Die Schweiz steht seit ihrer Gründung für Freiheit und Unabhängigkeit ein und dieses gemeinsame Selbstverständnis eint unsere beiden Nationen bis heute. Daran ändert auch unsere unterschiedliche politische und institutionelle Einbettung in Europa nichts. 

Der polnische Nationalheld Kościuszko verbrachte seine letzten Lebensjahre in der Schweiz und starb 1817 in Solothurn. Das Kościuszko-Museum in Solothurn erinnert an ihn und sein Wirken und an die Sympathie, welche die Schweiz seinem Freiheitskampf entgegenbrachte. 

Das Polen-Museum in Rapperswil, das Sie von eigenen Besuchen her bestens kennen, ist ein herausragendes Symbol des polnischen Kampfes für Freiheit und Unabhängigkeit und der polnisch-schweizerischen Freundschaft.  

Zwei Ihrer Vorgänger zur Zeit der Zweiten Polnischen Republik [Zwischenkriegszeit], Gabriel Narutowicz [Narutówitsch] und Ignacy Mościcki [Ignaz Moschtschítzki], waren bekanntlich auch Schweizer Bürger und haben lange in unserem Land gelebt und gewirkt. Unsere Botschaft in Warschau wird zum 90. Todestag des grossen Polen und Schweizers Gabriel Narutowicz im kommenden Dezember einen Gedenkanlass organisieren. Und Sie werden morgen in Fribourg Gelegenheit erhalten, auf den Spuren von Ignacy Mościcki [Ignaz Moschtschítzki] zu wandeln. 

Auch Ignacy Jan Paderewski [Ignaz Jan Paderéwski] war bekanntlich eng mit der Schweiz verbunden, ebenso zahlreiche berühmte polnische Schriftsteller wie der Literaturnobelpreisträger Henryk Sienkiewicz [Schenkiéwitsch], der während des Ersten Weltkriegs aus seinem Exil in Vevey das Schweizerische Generalkomitee für die Hilfe an Kriegsopfer in Polen organisierte. Wir werden morgen an den Ufern des Genfersees des Wirkens dieser polnischen Persönlichkeiten gedenken. 

Umgekehrt waren Schweizer verschiedentlich an den polnischen Freiheitskämpfen beteiligt. Franz von Erlach, Oberstleutnant der Schweizer Armee, nahm 1863 am Polen-Aufstand teil. Seine Erfahrungen hielt er in einem Buch fest, das die Entwicklung der Schweizer Armee nachhaltig beeinflusste. Sie, Herr Präsident, haben anlässlich des Besuchs der Bundespräsidentin in Polen 2011 auf diese Episode Bezug genommen. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass unsere Botschaft in Warschau im kommenden Jahr aus Anlass des 150. Jahrestags des Polen-Aufstandes ein Seminar zu von Erlachs Buch organisieren wird.  

Als Bündnerin möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass Polen ein begehrtes Auswanderungsland für Bündner Konditoren und Schokoladeproduzenten war. Aus der Westschweiz haben Lehrer und Erzieherinnen ihren Weg nach Polen gefunden. Aus der Deutschschweiz kamen Milch- und Käsefachleute und aus dem Tessin Architekten, die manchenorts in Polen Spuren hinterlassen haben. Mit dem Studenten- und Wissenschaftsaustausch im Rahmen des Schweizer Erweiterungsbeitrags knüpfen wir an diese reichhaltige Geschichte von Migrantinnen und Migranten an, welche sich als Brückenbauer zwischen unseren beiden Ländern betätigt haben. Die Eidgenossenschaft unterstreicht damit, dass polnische Staatsangehörige auch heute in der Schweiz willkommen sind. 

Die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern wurden im letzten Jahrhundert massgeblich von den 13‘000 polnischen Soldaten der zweiten polnischen Schützendivision geprägt, die während des 2. Weltkriegs in der Schweiz interniert wurden. Viele von ihnen konnten in der Schweiz eine Lehre oder ihre Studien abschliessen. Diese polnischen Staatsbürger blieben der Schweiz trotz der schwierigen Umstände, welche die Internierung mit sich brachte, stets verbunden. Und sie haben das Bild Polens in der Schweiz nachhaltig positiv geprägt. Die polnischen Soldaten leisteten in einer schwierigen Zeit einen bedeutenden Beitrag zur Aufrechterhaltung der Schweizer Wirtschaft und Infrastruktur. So wurden mit ihrer Hilfe die landwirtschaftlichen Anbauflächen erheblich erweitert, über 60 Brücken gebaut und repariert oder rund 450 km Strassen neu- oder umgebaut. Am meisten im Bewusstsein der Schweizerinnen und Schweizer eingeprägt haben sich zweifellos die vielen „Polenwege“. Ich habe persönlich einen engen Bezug zum Polenweg bei Domat-Ems, ganz in der Nähe meiner Wohngemeinde, den ich bereits als Kind mit meinen Eltern erkunden durfte. 

Herr Präsident, ich stelle mit Freude fest, dass sich unsere bilateralen Kontakte auf allen Ebenen dynamisch entwickelt und intensiviert haben. Ich habe Sie am diesjährigen World Economic Forum getroffen und im August mit Premierminister Tusk in Locarno ein ausführliches Gespräch geführt. In meiner Funktion als Finanzministerin stehe ich zudem mit Minister Rostowski in regelmässigem Kontakt. Bundesrat Johann Schneider-Ammann war im Februar mit einer Wirtschaftsdelegation in Polen, und Bundesrat Ueli Maurer unterzeichnete im Juni in Warschau ein Abkommen über die Zusammenarbeit in der militärischen Ausbildung. 

Unsere Handelsbeziehungen sind intensiv und gut. Ihr Land hat seit der Wende von 1989 eine beeindruckende Entwicklung erlebt und ist heute nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich ein bedeutender Faktor in Europa. Es erstaunt deshalb nicht, dass Polen mit einem aggregierten Handelsvolumen von rund 3,3 Mrd. CHF als Handelspartner für die Schweiz ein ähnlicher Stellenwert wie Russland oder Brasilien zukommt. Schweizer Firmen haben in Polen rund 35’000 Arbeitsplätze geschaffen und Ihr Land erfreut sich mit akkumulierten Direktinvestitionen von nahezu 6 Mrd. EUR grosser Beliebtheit bei Schweizer Investoren. 

Ein zentrales Element unserer bilateralen Beziehungen ist der Schweizer Erweiterungsbeitrag. Die Kooperation und der intensive Austausch von Wissenschaftlern, Studenten und Experten im Rahmen verschiedenster über den Erweiterungsbeitrag finanzierter Projekte werden den Austausch und das Verständnis zwischen unseren beiden Ländern weiter verstärken. 

Eine Würdigung unserer engen Beziehungen muss selbstverständlich unsere erfolgreiche Zusammenarbeit in den Bretton-Woods-Institutionen mit einschliessen. Unsere Stimmrechtsgruppe bildet eine wichtige Brücke zwischen Europa und Zentralasien und wir freuen uns, dass der Fortbestand unserer Gruppe gesichert werden konnte. 

Besonders erfreulich ist aus Schweizer Sicht das grosse Interesse, auf das unsere politischen Institutionen und Mechanismen in Polen stossen. Wir begrüssen und fördern den regen Austausch und Dialog mit polnischen Behörden, Parlamentariern, Universitäten und Schulen zu den Themen Föderalismus und Dezentralisierung, direkte Demokratie, politische Partizipation und E-Voting. Die Schweiz hat mit dem Collège d’Europe in Natolin [Nátolin] eine institutionelle Zusammenarbeit vereinbart, in deren Rahmen Ende Oktober die zweite Föderalismus-Konferenz stattfinden wird.

Sehr geehrter Herr Präsident, verehrte Anwesende, unsere beiden Länder verbindet weit mehr als die gleichen Nationalfarben. Mit dem Staatsbesuch unterstreicht der Bundesrat die besonderen Beziehungen, welche das Verhältnis zwischen der Schweiz und Polen prägen, und seine Erwartung, diese weiter zu vertiefen. Ich darf Sie noch einmal herzlich in der Schweiz willkommen heissen. 

Adresse für Rückfragen:

Kommunikation EFD
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Herausgeber:

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