Bundesfeier Schaffhausen
Schaffhausen, 01.08.2025 — Festrede von Bundesrat Beat Jans

Es gilt das gesprochene Wort.
Geschätzter Herr Regierungspräsident
Geschätzter Herr Stadtpräsident
Liebe Schweizerinnen und Schweizer
Liebe Menschen aus Schaffhausen und anderswo
Ich habe mich sehr gefreut, heute hierher zu kommen. Rheinaufwärts, an den Fuss des Munots. Aufgewachsen bin ich in Riehen und heute wohne ich im Kleinbasel, auf der deutschen Seite des Rheins. So wie Sie hier in Schaffhausen.
Diese besondere Grenzerfahrung verbindet uns.
Leider bin ich zu früh fürs Munotglöggli. 150 Mal läutet es die Munotwächterin um 21 Uhr: Hier zeigt eine Frau, was es geschlagen hat, so wie unsere Fussballerinnen während der EM. 150 Mal in 5 Minuten, 30 «beats per minute». Für mich als Hobby-Schlagzeuger ist das zu langsam. Es entspricht eher dem Tempo in Bundesbern.
Apropos: 1589, als der Munot nach 25 Jahren endlich fertiggestellt war, hat er 47’528 Gulden gekostet. Nur gut 50 Jahre später, während dem Dreissigjährigen Krieg, standen die Zeichen auf Aufrüstung: Das Dreifache hätte es kosten sollen, seine volle Verteidigungsfähigkeit herzustellen. Die Geschichte wiederholt sich.
Jedenfalls: Vielen Dank für die Einladung!
Der 1. August ist für mich auch eine Entdeckungsreise. Heute bin ich noch in Altdorf im Kanton Uri und in Windisch im Aargau zu Gast – in zwei Autobahn-Hochburgen. Schaffhausen ist übrigens der einzige Kanton, der noch nie im Bundesrat vertreten war und keine vierspurige Autobahn hat. Ob diese Schnittmenge Zufall ist?
Bundesrat ist schon ein spezieller Job. Ständig kann man irgendwo etwas eröffnen: Eine Autobahn, einen Apéro oder eine Vernehmlassung. Man ist zu einem Siebtel Staatsoberhaupt, Chefin sind aber Sie alle, die Bevölkerung. Für mich ist der
1. August darum auch eine Art Mitarbeitergespräch mit meinen Vorgesetzten.
Liebe Schweizerinnen und Schweizer
- Letzten Monat, zum Beispiel, war ich in Zürich am 40-Jahre-Jubiläum der Aids-Hilfe. Mit Menschen, die den Ausbruch der HIV-Epidemie in den 80er Jahren hautnah miterlebt und dazu beitragen haben, dass die Bekämpfung von Aids in der Schweiz eine Erfolgsgeschichte ist. Eine ergreifende Feier, mit der Vergangenheit im Herzen und der Zukunft im Kopf. Optimistisch, urban, bunt:
Von der Dragqueen bis zum Bischof war alles dabei. - Am gleichen Wochenende war ich in Reigoldswil am Nordwestschweizer Jodlerfest – zusammen mit Hunderten lokalen Stars der Jodel-, Fahnenschwing- und Alphorn-Kunst. Es wurde gejuzt und die Kameradschaft gepflegt. Tausende feierten das Schweizer Brauchtum als lebendige Tradition. Das Publikum war ein ganz anderes, die Stimmung ebenfalls harmonisch und fröhlich.
- Schon Anfang Jahr ging ich an die Albisgüetli-Tagung. In die Höhle des Zürcher Löwen, in das volle Schützenhaus. Geschossen wurde zum Glück nur verbal. Meine Rolle war die des Gegen-Redners. Es ging um Souveränität und Europa. Mit dabei war die halbe Polit-Prominenz rechts der Mitte: viele National-, Stände-, Regierungs-, Kantons-, Gemeinde-, Stadt- und alt Bundesräte.
- Dann der 1. Mai in Olten. Dort, wo der Schweizerische Gewerkschaftsbund gegründet wurde und wo nicht nur unser Eisenbahnnetz zusammenkommt. Festbänke, Drei-Tannen-Bier, 1. Mai-Abzeichen, Feministen, Gewerkschafterinnen, Arbeitende. Frust über die Weltlage, aber auch viel Zuversicht und Kampfgeist. Es hat Reden und Lieder gegeben – auf die Solidarität, hier und überall.
- Ein ganz anderes Bild zwei Wochen später beim Jubiläum der schweizerischen Konkurs- und Betreibungsbeamtinnen und -beamten in Luzern: In ihrer Arbeit geht es um Menschen in schwierigen persönlichen und finanziellen Situationen. Kein einfacher und beliebter Job, aber ein wichtiger.
- Und dann war ich vor den Sommerferien an der Session des Schweizerischen Flüchtlingsparlaments im Berner Rathaus. Mit Menschen, die ihre Heimat verlassen und Unvorstellbares erlebt mussten. Sie bemühen sich, hier trotz allem ein neues Leben aufzubauen, debattieren, bringen sich ein, wollen teilhaben.
Sechs komplett verschiedene Anlässe mit unterschiedlichsten Menschen. Sechs Realitäten, sechs Welten. Oder zumindest sechs Schweiz-en. Wo ist die Schnittmenge? Wer von Ihnen ist Betreibungsbeamtin, engagiert sich in der Aids-Hilfe, hat eine Fluchtgeschichte, ist Mitglied der SVP und kann die Internationale jodeln?
Geschätzte Gleich- und Andersdenkende
Vielleicht schauen wir zuerst mal über die Grenze, sie ist ja nicht weit. Europa? Oder lieber China, Indien? Oder doch die USA? Warum bleiben wir nicht einfach zuhause? Da ist es sowieso am schönsten. Wenn wir heute über unseren Platz in der Welt diskutieren, tönt es manchmal, wie wenn wir darüber reden würden, wo wir im Herbst in die Ferien wollen. Als könnten wir auswählen.
- 41 grenzüberschreitende Stromleitungen, 400 Strassen- und 45 Schienenübergänge verbinden uns mit Europa. 12 Millionen Züge passieren die Grenze pro Jahr und über 2,2 Millionen Menschen überqueren sie – jeden Tag!
- Fast 390’000 Arbeitskräfte pendeln aus der EU zu uns. Plus über eine Viertelmillion Entsandte, die ihre Arbeit machen und wieder gehen. Ohne die Arbeitskräfte aus der EU würden unsere Wirtschaft und unser Gesundheitssystem nicht funktionieren.
- Und die EU ist und bleibt mit Abstand unsere wichtigste Kundin. Auch für unsere KMU. Sie macht 60 Prozent unseres Handelsvolumens und 70 Prozent unserer Importe aus.
Wir sind in Europa eingebettet und vernetzt. Wer weiss das besser als Sie hier in Schaffhausen, auf der deutschen Seite des Rheins. Es ist und bleibt so: Wir können die Schweiz nicht zügeln und uns unsere Nachbarn nicht aussuchen. Aber wir könnten viel schlechtere Nachbarn haben. Immerhin verdanken wir der Europäischen Einigung 80 Jahre Frieden. Wir haben eine grosse Schnittmenge. Nicht nur geographisch und wirtschaftlich: Auch Demokratie, Rechtsstaat und Klimaschutz gehören dazu. Am 1. August geht es um Heimat. Und die Heimat der Schweiz ist in Europa.
Jetzt spüren wir das umso mehr. Wenn zum Beispiel die USA willkürlich Zölle von 39% gegen Schweizer Produkte einführen wollen. Demokratie und Rechtsstaat kommen unter Druck, in sozialen Medien und Parlamenten verschärft sich der Ton. Es gilt wieder die Macht des Stärkeren, viele ziehen sich in ihre «Welt» zurück, schauen nur für sich. Und es wird wieder aufgerüstet. Schauen wir uns auf der Welt um: Gräben werden immer tiefer, Regeln umgangen, Institutionen verachtet, Debatten unversöhnlicher, Schnittmengen kleiner – dort wo es sie noch gibt. So gesehen ist der 1. August auch eine Warnung.
Liebe Eidgenossinnen und Eidgenossen
Dieses Jahr hätte Jean Tinguely seinen Hundertsten Geburtstag gefeiert. Der Schweizer Ausnahmekünstler hat gewusst, dass Räder, die isoliert für sich allein drehen, nichts bewegen. «Ich habe immer versucht, mit anderen zusammenzuarbeiten, schon nur um über mich selber hinwegzukommen», hat Tinguely einmal gesagt. Das gilt auch für die Schweiz: Nicht der Alleingang – das Alleindrehen – hat uns stark gemacht, sondern das Miteinander. Wir untereinander in der Schweiz, aber auch mit Verbündeten im Ausland.
Geschicktes Verhandeln und schlaue Bündnisse sind Teil unserer Identität – schon seit den alten Eidgenossen. Unser Kontinent war viele Jahrhunderte lang geprägt von rivalisierenden Mächten, Konflikte wurden gewaltsam ausgetragen: Franzosen gegen Habsburger, Katholiken gegen Protestanten, eine Dynastie gegen die andere. Mittendrin die Eidgenossen. So vielfältig wie ihr loser Staatenbund, waren damals auch die Meinungen und Interessen der Orte. Aber sie rauften sich zusammen und schmiedeten über Grenzen hinweg Allianzen.
Verhandeln, miteinander auskommen und die eigenen Vorteile im Auge behalten – in dem hatten die Eidgenossen Übung. Diese Stärke spielten sie auch gegen aussen aus: Sie waren gut vernetzt und integriert. Sie verhandelten selbstbewusst und paktierten pragmatisch. Und sicherten so ihre Handlungsfähigkeit und Interessen.
Liebe Fahnenschwingende, Betreibende, Betriebene,
Vertriebene, Bewegte, Jodelnde, Engagierte
Was international gilt, gilt erst recht für unsere Demokratie: Nicht im Alleingang gelingt sie, sondern im Zusammenspiel – im Dialog, im Austausch. «Weil manchmal ist man wie eingeklemmt in sich selber», hat es Tinguely auf den Punkt gebracht. Zum Glück ist unsere Demokratie so ausgestaltet, dass es nur gemeinsam geht. Auch im Bundesrat kommen wir nur vorwärts, wenn wir zusammenarbeiten.
Das Ringen um Lösungen, das Aufeinanderzugehen, die Suche nach dem Konsens und nach dem Gemeinsamen machen die Schweiz aus. Die Suche nach Konsens und Kompromiss zwingt uns, empathisch zu sein. Sich zu fragen, ob das Gegenüber vielleicht recht hat. Zu merken, dass die Wahrheit oft dazwischen liegt. Nicht zu vergessen, dass jemand, der eine andere Meinung hat, deswegen kein schlechter Mensch ist. Unterschiedliche Meinungen sind eine Chance. Niemand hat immer recht.
Es geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren. Es geht darum, gemeinsam vorwärtszukommen. Um Solidarität, Zusammenhalt und Selbstbewusstsein. Auch daran hat uns unsere Nati in den letzten Wochen auf wunderbare Art erinnert. Wir haben Werte, die uns stark machen und uns verbinden. Das ist unsere Schnittmenge. Dazu müssen wir Sorge tragen. Mit gutem Willen, Rücksicht, Besonnenheit – und Einsatz. Ob in der Familie, im Quartier, im Verein oder in der Politik. Im Grossen und im Kleinen.
Der 1. August ist eine gute Gelegenheit, um Danke zu sagen: Der Stadt Schaffhausen und den Munot Dixie Stompers sowie allen Freiwilligen fürs Organisieren dieser stimmigen Bundesfeier. Unserer Nati für das Schweizer Sommermärchen. Und allen, die unser Land zusammen und am Laufen halten.
Liebe Schweizerinnen und Schweizer
Liebe Zugezogene, Zugeneigte und Zugewanderte
Wir sind ein reiches Land. Wir sind facettenreich. Es gibt nicht nur sechs Schweizen, sondern Tausende. Zehntausende. Hunderttausende. Und alle zusammen sind wir die Schweiz. Der 1. August ist die Gelegenheit, um zusammenzukommen und zusammenzufinden. Um Verbindendes über Trennendes zu stellen. Um Schnittmengen zu erkennen. Die Schweiz ist wie eine Tinguely-Maschine: Ein Ganzes aus verschiedensten Einzelstücken, kreativ und erfolgreich zusammengesetzt. Diese Integrationskraft macht uns aus – und stark.
Der Welt würde ein bisschen mehr Schweiz guttun.
Übrigens: Damals ist die teure Aufrüstung des Munots dank des Westfälischen Friedens überflüssig geworden. Es wäre schön, wenn heute wieder der Frieden dazwischenfunken würde. Sich engagieren und hoffen darf man.
Auch das ist der 1. August.
Ich wünsche Ihnen allen einen facettenreichen,
optimistischen und hoffnungsvollen Nationalfeiertag!