«Umweltrisiken fordern uns in Zukunft mehr denn je heraus»
Bern, 05.06.2025 — Grusswort von Bundesrat Albert Rösti am Forum Klima Schweiz 2025
(Es gilt das gesprochene Wort)
Sehr geehrte Frau Nationalrätin,
sehr geehrte Frau Amtsdirektorin,
sehr geehrter Herr Vizedirektor,
geschätzte Damen und Herren
Besten Dank für die Einladung und die Gelegenheit, zu Ihnen zu sprechen. Als Sie mich eingeladen haben, ahnte niemand, dass diese Tagung unter dem Eindruck der Katastrophe von Blatten und Ried stattfinden würde. Wir alle sind noch immer schockiert über dieses Ereignis, das in seinem Ausmass eigentlich unvorstellbar war: Ein Dorf ist verschwunden. Und so ist der Umgang mit den Risiken eines Lebens nahe an der Natur, wie Sie dies heute diskutieren, aktueller denn je. Ja, mehr noch: Es ist ein Gebot der Stunde.
Das Thema ist auch mir ein wichtiges Anliegen. Felsstürze, Hochwasser und andere Ereignisse sind mir als Berner Oberländer von Kindsbeinen an bekannt. Ich weiss, welche bangen Gefühle und Sorgen in einem aufkommen können, wenn man in instabilen Wetterlagen den Blick in die Berge richtet.
Auch Sie schauen heute voraus – sehr weit voraus sogar: Die heute veröffentlichte Klima-Risikoanalyse schätzt die Entwicklung bis ins Jahr 2060 ein. Die Szenarien sind nicht neu, aber sie akzentuieren sich: Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Belastungen durch Hitze und die Trockenheit im Sommer zunehmen, und dass die Durchschnittstemperaturen ebenso ansteigen wie das Risiko von Naturgefahren. Die Klima-Risikoanalyse führt auch ein Szenario auf, wie wir es in Blatten erleben mussten. Gestatten Sie mir deshalb, dass ich auf die Naturgefahren und somit nochmals auf die Katastrophe von Blatten fokussiere.
Ich habe mir letzte Woche vor Ort ein Bild der Situation gemacht. Dass das ganze Dorf Blatten evakuiert werden musste, bewegt mich. Gleichzeitig war und bin ich erleichtert, dass dieses Ereignis glimpflich ausgegangen ist. Das ist vor allem der guten Überwachung der Berge und dem schnellen Handeln der lokalen Behörden geschuldet.
Die Sicherheit der Bevölkerung hat für mich oberste Priorität. Die Sicherheit setzt voraus, dass wir den Blick nach vorne richten, wie Sie dies an dieser Veranstaltung tun. Wir müssen die Gefahren kommen sehen und die Natur genau beobachten. Deshalb ist das Monitoring so wichtig, wie wir in Blatten, in Ried und andernorts immer wieder feststellen. Und wenn aus dem Risiko Realität wird, dann müssen wir gewappnet sein.
Gewappnet sind wir dann, wenn wir Strategien zur Anpassung entwickeln und Massnahmen ergreifen. Eine dieser Massnahmen ist das Risikomanagement des Bundes für Naturgefahren, das in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen und Gemeinden betrieben wird. Es hat sich im Fall von Blatten bewährt. Zudem haben fast alle Kantone eigene Anpassungsstrategien und Massnahmenpläne entwickelt. Es zeigt sich: Mit umsichtigen Anpassungsmassnahmen können die Gefahren vermindert werden.
Zudem müssen die Strategien von Gemeinden, Kantonen und Bund gut aufeinander abgestimmt sein. Ein enger Austausch zwischen Bund, Kantonen, Gemeinden und Städten sowie Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft ist deshalb wichtig, und ich bin froh, dass diese Vernetzung bereits erfolgt. Die Klima-Risikoanalyse ist dafür beispielhaft: Zusammen mit dem Bundesamt für Umwelt haben für diese Analyse über 70 Expertinnen und Experten aus der ganzen Schweiz mitgearbeitet: Aus der Bundesverwaltung, den Kantonen, Hochschulen, der Wirtschaft und aus Verbänden.
Aber selbstverständlich braucht es für die Sicherheit der Menschen auch Schutzbauten: Gewässerverbauungen, Lawinenverbauungen, Vorrichtungen, die vor Steinschlag schützen und anderes mehr.
Mit dem CO2-Gesetz bzw. der CO2-Verordnung kann der Bund neu Kantone und Gemeinden bei Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel finanziell unterstützen; so auch bei Personen- und Sachschäden durch Naturgefahren.
Wir brauchen auch Soforthilfe. Es war bereits in den Medien zu lesen, daher verrate ich kein Geheimnis, wenn ich hier bestätige, dass der Bundesrat Vorbereitungen für eine Sonderhilfe trifft. Es geht darum, dass wir rasch und unbürokratisch helfen. Die Bundespräsidentin und ich haben vor Ort Unterstützung versprochen, nun sollen bald Taten folgen.
Ursachenforschung
Wenn die Natur in Bewegung gerät, sollten wir vorsichtig sein beim Benennen der Ursache. Nicht jeder Bergsturz muss zwingend eine Folge des Klimawandels sein. Jener in Arth-Goldau im Jahr 1806 erfolgte aus anderen Gründen, ebenso der Bergsturz in Elm 1881, und in Blatten sind die Gründe noch unklar. Die Expertinnen und Experten sind daran, sich ein Bild über die Kausalitäten zu verschaffen. Es gilt, jeden Einzelfall anzuschauen. Pauschalurteile zum jetzigen Zeitpunkt wären nicht seriös und schüren in der Bevölkerung Verunsicherung und Angst.
Damit will ich den Klimawandel nicht kleinreden. Wir alle erleben seine Auswirkungen (meine Vorredner haben sie teilweise schon erwähnt). Wir sehen
- viele Gletscher schmelzen. Dadurch steigen die Risiken für Naturgefahren, und Wasserreserven werden kleiner.
- wie die Landwirtschaft unter Produktionsrückgängen oder gar ganzen Ernteausfällen durch extreme Trockenheit oder übermässige Nässe leidet.
- dass die Schifffahrt bei langer Trockenheit eingeschränkt wird und Waren nicht mehr transportiert werden können.
Deshalb leistet die Schweiz ihren Beitrag zur Begrenzung des Klimawandels:
- Jährlich investieren wir 2 Milliarden Franken in die Dekarbonisierung.
- Wir setzen um, was die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger mit dem Ja zum Klima- und Innovationsgesetz und zum Gesetz für mehr Strom aus erneuerbaren Energien beschlossen haben.
- Das Netto-Null-Ziel bis 2050 ist mir wichtig – so wie übrigens auch meinen Umweltministerkollegen aus Deutschland, Österreich, Liechtenstein und Luxemburg, mit denen ich diese Woche die nächste Weltklimakonferenz vorbereitet habe.
- Einig waren wir uns auch darin: Unsere Länder alleine können den Klimawandel nicht begrenzen. Da dürfen wir uns nichts vormachen. Es braucht alle Staaten rund um den Globus – und vor allem die Länder mit grossem Treibhausgas-Ausstoss, also China und die USA.
Geschätzte Anwesende,
Der Schutz vor Umweltrisiken fordert uns heraus – in der Zukunft mehr denn je.
Es ist deshalb richtig, in Szenarien zu denken, wie Sie dies hier und heute tun – und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Für mich ist klar: Es ist besser, Umweltrisiken frühzeitig und beherzt anzugehen – und nicht erst, wenn wir dazu gezwungen werden. Oder anders gesagt: Proaktives Handeln ist mir lieber als reaktives Handeln.
Ich danke Ihnen für Ihr proaktives Engagement und wünsche Ihnen eine fruchtbare weitere Tagung.
Link
Klimawandel in der Schweiz: Neuer Bericht zeigt wichtigste Risiken bis 2060 auf